Wassersport-Verein-Güstrow 1928 e.V., An den Bootshäusern 13, 18273 Güstrow info@wvg1928.de

Ein nicht geträumter Traum wurde wahr

Ein Bericht von einem Törn mit einer ungewöhnlichen Segelyacht
von Carsten Jansen

Angefangen hat diese Geschichte im Sommer 2019 während der Warnemünder Woche. Eines Abends saßen wir im Bierzelt und Mario Wagner, Weltmeister im 5.5er, Goldcupgewinner im Drachen und einstiger Finnleistungssegler beim Sportclub Empor Rostock (heute Yachtclub Rostock) tauchte wie immer Freude verbreitend und stimmungsgeladen auf.  Wir kannten uns vom Piratensegeln und vielen sportlichen und lustigen Begegnungen und auch Feten in Rostock, Warnemünde, Güstrow, Schwerin, Röbel und anderswo. Wir hechelten die Jahre durch, die wir uns nicht gesehen hatten. U. a. erzählte Mario von Bootsüberführungen, wo es immer an Leuten fehlt. Spontan bot ich Mario an, gerne mal mitkommen zu wollen, wenn ich nicht anders gebunden bin (Kuttersegeln, Wettfahrleitungsteam, Privates u. a. m.). Mario meinte, das kläre ich, in zwei Jahren steht eventuell die Überführung einer Yacht nach Helsinki oder zurück an. Gerne, wenn ich denn kann. In diesem Jahr rief mich Mario kurz vor der Warnemünder Woche an. Im August stünden die Überführungen an, wir sehen uns in Warnemünde. Das taten wir dann auch und stimmten die Termine ab. Es ging nicht mehr und nicht weniger um die Überführung des legendären 12er’s „Jenetta“ zur in Helsinki stattfinden Weltmeisterschaft diese Klasse oder der Rückführung dieses Schiffes. Ich entschied mich dann für die Rückführung nach der Weltmeisterschaft. Wir wollten sozusagen das Weltmeisterschiff von Helsinki nach Kiel segeln. Aus dem Weltmeister wurde nichts, dazu an anderer Stelle mehr. Handschlag, du bist dabei. Vier Wochen später bekam ich dann meine Flugtickets. Wir sollten mit insgesamt sechs Seglern das Schiff zurückführen. 12er werden mit 15 bis 16 Seglern bei Regatten gesegelt. Es sind reine Daysailer, keine Fahrtenschiffe, entsprechend spartanisch sind sie eingerichtet. Der 12er ist ein historisches Rennsegelboot, das 1908 erstmals gebaut wurde. Die Klasse war dann von 1918 bis 1920 olympische Bootsklassen und wurde entsprechend in ihren Vermessungsbestimmungen (Rules) modifiziert. Es gibt sie auch in kleineren Formaten wie zum Beispiel 2.4mR für die unser WVG schon viele Regatten inklusive Deutscher Meisterschaften durchgeführt hat.

Nachlesen kann man genaueres und erstaunliches auf den Websites www.jenetta.eu oder www.12mrworlds.com oder www.heti12mr.de oder in dem Buch von Luigi Lang & Dyer Jones „The 12 Metre Class“ vom Verlag Adlard Coles Nautical in London.

Es handelte sich bei dem Schiff, das wir überführen sollten, wie schon erwähnt, um die legendäre „Jenetta“. Gebaut 1939 nach der Third Rule (dritte Änderung der Vermessungsbestimmungen) im Auftrag des englischen Teekönigs Sir William Burton. Gerissen vom schottischen Konstrukteur A. Mylne & Co. Das Schiff hatte viele Besitzer bis es dann 2008 im kanadischen Pitt Lake (bei Vancouver)vermutlich durch Vernachlässigung des Eigners versank. Ein deutsches Konsortium und heutige Eignergemeinschaft hob das Boot und baute es wieder auf. Wen genaueres interessiert, siehe Jenetta.eu. Also, das Boot schwimmt wieder und ist ein Hingucker. Die Folierung des Schiffsrumpfes im Schottenmuster ist eine Ode an den Konstrukteur bzw. auch an seine Universität.

Einen absolut sportlichen Höhepunkt erreichten die 12er nach dem 2. Weltkrieg, als sie bei den America´s Cup Rennen bis 1988 eingesetzt wurden. In dieser Zeit wurden viele neue Yachten nach der Third Rule AC gebaut.

Die Vorbereitung auf den Törn bestand darin, dass ich Segelklamotten für ca. zehn Tage inklusive Ölzeug und Schlafsack flugtechnisch vorschriftsmäßig (Einhaltung der Gewichte für das Gepäck) einzupacken hatte. Wie steuere ich den Flughafen an? Pkw oder DB? Streiken letztere eventuell? Welchen Puffer muss ich einbauen? Usw.

Am Vorabend des Fluges hatte ich HANSA-Tickets im V.I.P-Bereich sponsiert bekommen. Hansa – Dresden Anstoß am 21.08.2021 um 20:30 Uhr – ein Klassiker. Leider, wie dreimal zuvor in Pflichtspielen, Endergebnis 1:3. Dresden war besser, Hansa muss seine Chancen besser nutzen. Kein schlechtes Spiel, aber der bessere hat gewonnen; es wird schwer für Hansa die Klasse zu halten.

Gegen 0:00 Uhr zu Hause, Wecker auf 04:00 Uhr gestellt. Tee geschlürft, liebevoll von Monika geschmiertes Brot gegessen, Gepäck ins Auto und ab zum Bahnhof. 05:01 Uhr nach Bützow, Umstieg nach Hamburg. Züge sind pünktlich. Ich erwische die S-Bahn Hamburg Airport eher als geplant. Puffer wird noch besser. Wir, also meine Mitflieger und ich, waren seit Sonnabend elektronisch per Mobil eingecheckt. Gepäck abgeben. Puffer schwindet, der Mann am Counter braucht sehr lange, zu lange. Als ich dran bin, muss ich zum Sondergepäckschalter. Okay, endlich bin ich das los. Ein Mitflieger fällt aus, er sagt ab, den zweiten treffe ich direkt an der Schwingtür zum Terminal 2. Erkenne ihn an den Seglerklamotten. Bist du Michael, jo, und du Carsten. Er checkt wesentlich schneller ein. Coronas-Sicherheit auf Schritt und Tritt. Ich bin seit über eineinhalb Jahren nicht mehr geflogen. Bei der Sicherheitskontrolle büße ich, weil nicht aufgepasst habe (eigene Dösigkeit) jede Menge Körperpflegemittel ein. Shit! Neukauf im Shop erforderlich. Gemacht, getan. Flieger nach Frankfurt-Airport geht pünktlich um 11:00 Uhr in die Luft. Von Frankfurt dann nach Helsinki geht es verspätet los, wegen heftiger Gewitter um den Airport in Hessen. Trotzdem kommen wir fast pünktlich an. Wieder Corona-Kontrollen. Gepäck ist auch mitgekommen. Ganz wichtig, uns fällt ein Stein vom Herzen. Taxi zum Hafen nach Helsinki.

Da steht es das Traumschiff „Jenetta“! Ein rassiges Schiff, ein Langkieler. Der Mast ragt 26 Meter hoch in den Helsinkier Himmel, 21,70 m lang, Wasserlinie 14,17 m, ca. 2,74 m breit, Tiefgang 3,66 m, Ballastkiel ca. 17 t. Schnittig: ja, Old Fashioned?: Nein, ein tolles Schiff unsere Heimstatt für einige Tage.

Wir werden empfangen von Tom (dem Skipper), Mario (Stammcrew), Martin (Stammcrew), Frank (Stammcrew) und Daniel (Überführungscrew), wie wir. Gepäck an Bord, dann im Hafen Pizza fassen und ein Bier - skandinavisch gewohnt preisintensiv, aber gut. Wir verabschieden uns von Martin und Frank, beide fahren per Achse nach Hause. Sie ziehen den Werkstattanhänger und das Tendermotorboot nach Kiel. Auch das dauert per Fähre ca. 30 Stunden.

Sicherheitseinweisung, Empfang der persönlichen AIS-Tracker, Schiffeinweisung, Aufgabeneinteilung, Wacheinteilung durch den 25-jährigen Skipper Tom. Wir machen Wachwechsel alle drei Stunden. Stammcrew, also Tom und Mario, alle drei Stunden. Wir, die Überführungscrew, auch alle drei Stunden. Stammcrew beginnen um 0:00 Uhr und weiter alle drei Stunden, die Überführungscrew beginnt 22:30 Uhr mit namentlicher Benennung. Falls Manöver anstehen, müssen alle raus. Um 21:30 Uhr wird ohne Motor und nur mit Genua abgelegt. Es ist noch hell. Als wir auf Südkurs gehen können, ziehen wir das 140-Quadratmeter-Tuch des Groß hoch. Wir haben jetzt ca. 210 qm Tuch am Wind. Wir segeln durch den beeindruckenden Schärengarten, erreichen schnell das offene Wasser Kurs West, raus aus dem Finnischen Meerbusen. Vor uns liegen ca. 1200 km (ca. 650 sm) durchs Wasser. Der Mond begleitet uns, wir machen gute Fahrt. Der Skipper gibt die Aufgabe vor, solange Nordwind immer gen Süd und West um Seemeilen zu machen. Wir segeln mal raumer, mal mit halbem Wind, mal achterlich, aber immer mit Backbordbug fast die gesamte Strecke. Wir, die keine Wache haben, gehen gegen Mitternacht in die Kojen. Meine Wache beginnt um 4:30 Uhr am 23.08.2021. Warm angezogen, die Nächte sind kalt, geht es ans Ruder. Wir machen gute Fahrt ca. 8 bis 9 kn Wind aus Nord, etwas drehend, um 18 bis 20 kn zunehmend. Irgendwann wird der Ruderdruck zu groß, alles raus zum Reffen. Gerefft geht es noch besser, die „Jenetta“ segelt mit Reff genauso schnell.

Der Morgen erwacht mit Wolken und Sonne im Wechsel. Gegen Mittag flaut der Wind ab. Es ist sonnig, also Reff raus. Wir haben Probleme mit dem Ladestrom, der Starterbatterie und der Batterie für das Bordnetz. Deshalb versuchen wir, mit dem Motor die Batterien zu laden. Geht   irgendwie nicht. Bordbatterie zieht die Starterbatterie leer, schneller als angenommen.  Messen können wir aber nichts. Es gibt noch eine zweite Starterbatterie. Die Systeme werden getrennt. Irgendwann werden wir also Probleme mit Bordinstrumenten, Plotter, Positionslichtern, Pumpen usw. bekommen. Da müssen wir durch. Unser Skipper spart Strom und es wird mit dem Handy navigiert. Reicht auch. In der Abendsonne gibt es warmes Essen, gekocht auf einem kardanisch aufgehängten Campinggaskocher. Es ist halt ein Daysailer. Mario ist der Smut und reicht uns Rührei mit oder ohne Brot. Dazu gibt es einen Chardonnay – nobel, nobel. Ansonsten gab es auf dem Törn Kaffee, Obst und Kakaomilch (energiereicher Drink) und viel Wasser. Besuch hatten wir auch: Ein kraftloser Falke musste sich ausruhen.

Es geht in die zweite Nacht. In den ersten 24 Stunden haben wir 200 sm gemacht. Der Skipper ist zufrieden. Der Wind frischt auf und wir nehmen wieder ein Reff rein. Wir steuern immer weiter südwestlich, nutzen die nördlich wehenden auffrischenden Winde. Plan: Bornholm, Rönne Hafentag, Batterieproblem lösen bzw. Lichtmaschine auswechseln. Na ja, vielleicht. Wir segeln durch die Nacht, Wind wird erheblich stärker. Glücklicherweise haben wir ein Reff drin. Schlafen ist beschwerlich, da nur die zwei Leekojen nutzbar sind und die Hundekoje (Rohr Koje im Vorschiff) gefühlt jede Schiffsbewegung mitmacht. Davon gibt es jeweils eine auf Backbord und eine auf Steuerbord. Die Amplitude bewegt sich gefühlt bei 3 m (wahrscheinlich ein halber bis 1 m). Dazu kommen die Geräusche des Bootes, des Riggs, der Wellen, der Gischt usw. Das ist der Wahnsinn. Bei der Welle und dem Wind ist es nicht einfach durch das Schiff überhaupt bis dort zu kommen.  Manchmal fliegt man in der Kajüte durch die Gegend. Shit, weil man ja die Schlafenden weckt. So kämpfen wir uns mit Wachwechseln durch die Nacht. Speed zwischen 8 bis 9,5 kn. Immer weiter in Richtung Südwest. Wir sind jetzt in der mittleren oder zentralen Ostsee. Keine Segelboote zu sehen, manchmal ein Dampfer – sonst nichts.

Die See gehört uns. Der Mond scheint prächtig. man kann, wie schon in der letzten Nacht, super segeln. Der Tag erwacht. Wir machen Meilen. Wetter und Wind sind top. Gegen Mittag entdeckt Adlerauge Mario ein U-Boot vor der Estnischen Küste. Es liegt auf dem Fleck und bewegt sich nicht. Da ein zweites. Vermutlich russisches Militär. Auf uns haben sie es wohl nicht abgesehen. Wir überlegen eins zu kapern. Lassen es aber lieber, könnte den dritten Weltkrieg auslösen.

Top Wetter, Mario bereitet das warme Essen zu – Hühnerfrikassee. Der Tag verabschiedet sich, wie gewohnt, mit auffrischenden Winden. Gegen 22:00 Uhr haben wir weitere 180 sm gemacht. Mario und ich haben die Mitternachtswache, Kurs Bornholm, Wind wird vermeintlich schwächer. Wir überlegen, auszureffen. Vor uns ein großes beleuchtetes Objekt ohne Fahrt. Posilichter sind bei der Beleuchtung fast nicht erkennbar. Wir haben das Gefühl, wenn wir anluven, um am Heck vorbeizukommen fährt das Objekt auch nach achtern, fallen wir ab fährt er nach vorne. Was ist das, ein Verlegeschiff, eine Bohrplattform. Wir kommen dichter, nein ein AIDA - Kreuzfahrer auf Ostseetrip ohne Häfen, reine Fresstouren?

Skipper kommt an Deck. Kursänderung, weiter südlich wegen Speed. Danach frischt der Wind wieder auf, ja, völlig korrekt manchmal muss man etwas warten, denn beinahe hätten wir ausgerefft. Der Skipper checkt das Wetter. Beratung mit Mario. Wind dreht immer weiter auf West. Für Mittwoch sind südwestliche Winde angesagt, d. h., wir müssten, um nach Rönne zu kommen, bei auffrischen Westwinden kreuzen. Plan B: Nach Polen. Der nächste Hafen (Uskat) liegt 32 sm entfernt, aber Bornholm mehr als 50 sm. Nach Uskat sind es ca. 4 Stunden, also gegen 06:00 Uhr. Nach Bornholm ist es ungewiss, eventuell zwischen 09:00 und 12:00 Uhr, da wir kreuzen müssten. Wir segeln weiter durch die Nacht. Vor der polnischen Küste sind Windparks über Windparks. Unser Kurs führt daran vorbei. Wind dreht weiter auf West. Ich muss anfangen zu knüppeln, um an den Parks vorbei zu kommen. Auf der Karte sind sie nicht eingezeichnet. Für den Teil der Ostsee haben wir nur Überflieger. Der Plotter wird aus energetischen Gründen, solange es ohne geht, nicht zu Rate gezogen. So segeln wir in den Tag hinein. Ich haue mich aufs Ohr, nehme eine Mütze voll Schlaf. Zwischenzeitlich klärte sich in der Morgendämmerung auf, dass die vermeintlichen Offshorewindparks an Landstehen. Umsonst geknüppelt, dafür können wir jetzt raumer ablaufen. Der Skipper ordert im Morgengrauen alle an Deck, um Vorbereitungen für das Einlaufen zu treffen. Uskat ist allen unbekannt. Der Skipper nimmt per Funk Verbindung zum Hafenkapitän auf, denn eine Brücke kurz hinter den Molenköpfen wirft Fragen auf. Nach einigen Anrufen gelingt es. Wir fragen was mit der Brücke ist. Er sagt okay, Brücke passierten und dann ca. 400 m fahren und auf der Backbordseite der Pier von See kommend anlegen. Jetzt fällt im erwachenden Morgen unsere Bordelektronik aus. Wir bereiten nun ein Anlegen unter Segeln vor. Fock runter durch eine kleinere, die mit Stagreitern am Vorstag befestigt wird, ersetzen. Damit lässt sich besser manövrieren, d. h., sie ist schneller geborgen. Jetzt Groß bergen. Alle Fender raus und auf Backbord anbringen, die Plattenfender bleiben zum Abpuffern erst mal frei verfügbar. Treibanker griffbereit ins Heck gelegt (eventuell für das Bremsmanöver nutzen). Alle Tampen klarmachen, Acherleine und Spring, dito Vorleine und Spring. Hafen kommt näher. Viele Angler und Bernsteinsammler sind um 06:00 Uhr unterwegs. Wir sehen, dass die Brücke weggedreht ist – grün. Wir versuchen den Motor zu starten - er springt an – Erleichterung. Laufen jetzt ein und gehen Backbord an die Pier. Wir vertäuen die „Jenetta“ und machen sie landguckfein. Vorsegel wird abgeschlagen, Segelpersenning mit Namenszug aufgelegt. Boot aufklaren, Landstrom holen. Der Hafenkapitän kommt: 100 Euro Liegebühr. Ja, das Schiff ist 21,70 m lang. Dafür gibt es aber schöne Hafenkarten von der östlichen Ostsee und Bornholm. Wir fassen ein kleines Frühstück und pelzen uns aus den Klamotten. Ab unter die Dusche und rasieren. Körperpflege ist angesagt. Daniel und Mario machen einen ersten Stadtspaziergang. Daniel kommt mit einem digitalen Messgerät zurück. Einfach, aber es reicht um festzustellen, dass unsere Batterien über den Motor nicht geladen werden und die Bordstrombatterie die Starterbatterie leerzieht. Eine Starterbatterie als Ersatz hatten wir ja schon eingesetzt. Mal sehen, was der Landstrom bringt. Ein paar Meilen liegen ja noch vor uns. Ich lege mich nicht in die Koje, mache das dann lieber früher am Abend.  Gehe also auch los. Daniel begleitet mich, da er auch nicht schlafen möchte vor dem Abend, um das Städtchen angucken. Es ist das frühere Stolpemünde. Idyllisches gepflegtes Städtchen mit vielen Urlaubern und entsprechender Infrastruktur. Ja, was wir so alles verspielt haben im Laufe des letzten Jahrhunderts dank des Kaisers und des Gefreiten aus Öschiland. Wir schlecken ein Eis, gucken uns die Häuser und einige Sehenswürdigkeiten an. Ein Großteil des Hafens ist mit ca. 75 % EU-Beihilfen saniert worden. Dazu gehört auch die Drehbrücke. Ca. 4 Millionen Euro wurden hier verbaut. Mit der Brücke wird die Westseite der Stolpe offensichtlich touristisch erschlossen. Dort liegen die Blücherbunker. Ich habe nur herausgefunden, dass man dort Munition aus dem 2. Weltkrieg anschauen kann. Es sind um die Mittagszeit Tausende Menschen unterwegs. Von Corona-Schutzmaßnahmen ist nicht viel zu sehen. Zurück auf dem Schiff genehmigen wir uns ein Bierchen und noch ein zweites. Viele Touristen bleiben stehen, schauen sich das Schiff an, stellen Fragen und von vielen kommt der berühmte Daumen nach oben. Ja, da ist man schon stolz. Am Nachmittag frischt der Wind weiter auf, es beginnt satt zu regnen. Das Wasser fällt. Wir bringen weitere Fender aus, vertäuen das Schiff neu, denn es geht ein mächtiger Schwell. Der Skipper hat mit Eignerkonsortium gesprochen. Order von dort: Wir sollen ordentlich Essen gehen. Wir beeilen uns durch den massiven Regen und gehen in den nahe gelegenen „Speicher“, ein sehr schönes altes Restaurant, in eben einem alten Speicher. Sehr schön restauriert mit gutem Essen. Ich nehme Heilbutt. Es ist einen Tick billiger als in Old Germany. Nach dem Essen machen wir uns auf den Weg zu einem Nettomarkt, Ziel: Auffrischung unserer Wasservorräte. Es hat aufgehört zu regnen, aber es stürmt mit mehr als 30 Knoten. Mineralwasser ist unser wichtigstes Getränk an Bord. Am Schiff angekommen, stellen wir fest, dass das Wasser wieder gestiegen ist und der Wind schon auf West gedreht hat. Morgen soll er wieder aus Nord kommen. So ist der Plan und so ist auch die Wetterprognose. Auf dem Schiff noch ein kleiner Absacker und ab in die Koje. Um 04:00 Uhr wecken, um 5:00 Uhr Auslaufen. So ist es auch mit dem Hafenkapitän wegen der Brückenöffnung abgestimmt. Die Batterien sind fast voll und der Motor springt mit frischer Batterie an. Segel nehmen wir noch im Hafen, gleich mit Reff, wegen der Wetterprognose, hoch, dann raus. Die Brücke ist geöffnet. Hinter den Molenköpfen Fock hoch, Aufklaren, Verstauen, Kaffee kochen, kleines Frühstück. Kurs Kap Arkona. Den Tag über ist es bewölkt, immer Winde zwischen 15 bis über 20 kn. Wir machen immer ca. 8,5 bis 9,5 sm durchs Wasser. Bornholm kommt bei Shitwedder in Sicht, manchmal nicht mehr in den Regenschwaden zu erkennen. Wir lassen Bornholm achteraus. Gegen Mittag mehr Sonnenschein mit Zeit zum Essenfassen. Es gibt Gulasch von Meistersmut Mario kredenzt.

Danach taucht der Windpark Baltic 2 nordöstlich von Rügen aus der Ostsee auf. Wir passieren ihn südlich. Schifffahrtsbewegungen nehmen zu.  Am frühen Abend kommt Rügen in Sicht. Ein Frachter meint, wir sollten den Kurs ändern. Unser Skipper macht ihm klar, dass wir den Kurs nicht ändern können, wir sind ein Segelboot und darauf angewiesen, diesen Kurs zu laufen. Nach einigem Hin und Her sieht er ein, dass internationales Recht gilt. Wir wissen nicht, was für ein Landsmann das war. Wind frischt am Abend wieder auf, um Mitternacht passieren wir Arkona (ca. weitere 100 sm gemacht). Kurs westwärts am Darß und südlich von Baltic 2 vorbei mit Kurs Fehrmann. Wir machen sehr gute Fahrt, teilweise bis hoch zu 13 kn. Gegen 07:00 Uhr passieren wir Fehrmann, weiter ca. 100 sm, Kurs Kiel. Laboe kommt in Sicht. In der Kieler Förde ist eine Dickschiffregatta. Die erfolgreichen Kadersegler der olympischen Bootsklassen trainieren in der Förde. Wir machen alles genauso klar wie in Uskat. Gegen 08:00 Uhr fällt wieder die gesamte Elektronik aus und der Motor springt dieses Mal nicht an. Wir müssen also unter Segeln im Kieler Yachtclub einlaufen. Das muss klappen. Wir haben nur einen Versuch!  Es ist jetzt ca. 12:30 Uhr. Vor dem Tirpitzhafen Groß runter, Fock bleibt. Kurz vor der Hafeneinfahrt des Yachtclubs Fock runter, es ist genügend Fahrt im Schiff aber der Wind aus Nord drückt auch. Skipper hat uns vorher eingewiesen und die Positionen verteilt. Die Fock muss nochmal kurz ein wenig hoch, um Schwung zu haben. Den haben wir, um quer an die Dalben zu kommen. Dann ziehen wir in einer aufwendigen Prozedur das Schiff über die Springs und Achterleinen achterlich rein, wir winschen uns sozusagen in den Liegeplatz. Die Plattenfender sind an den Dalben im Einsatz. Es gilt 23,5 t abzufendern. Zum Land ist eine Sorgleine ausgebracht. Der angestammte Steuermann Thomas erwartet uns. Die Stammcrew kann das Manöver offensichtlich, sie beherrschen das Ganze. Den Treibanker haben wir nicht gebraucht. Gegen 13:30 Uhr liegen wir fest. Es folgt die Begrüßung durch den Steuermann und andere. Die „Flica II“ K 14 ein weiterer 12er und WM-Dritter, der im Kieler Yachtclub liegt, ist kurz vor uns angekommen. Ohne Ruhetag, Nordroute (nördlich Gotland). Sie sind dann am Mittwoch bei 45 kn durchgesegelt, vermutlich nur mit Sturmfock, anders ist das nicht vorstellbar. Gefragt habe ich sie leider nicht. Wir sortieren unter Deck und packen die Klamotten. Dann gibt es ein Begrüßungsgetränk, das gleichzeitig das Abschiedsgetränk ist. Der Abschied folgt: Wir kamen als Fremde und gehen als Freunde. Es war eine tolle Tour auf einem legendären Superschiff. Gesegelt sind wir (reine Segelzeit) 87 Stunden für 650 Seemeilen (es waren durch den Abstecher nach Uskat). Wir sind also im Schnitt 7,5 kn und mehr gefahren. Das ist für einen Oldtimer, der eigentlich keiner ist, beachtlich! Natürlich hatten wir Glück mit dem Wind (Richtung und Stärke).

Ich bin stolz und glücklich, auf diesem gesegelt haben zu dürfen. Ein großer Dank gilt dem Eignerkonsortium und dem Skipper Tom, dem Allrounder Mario und der Überführungscrew Daniel und Michael. Tom hat gemeinsam mit Mario immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Gerade Tom kann ich einen „Siebenten Sinn“ bescheinigen. Diese Umsicht und Entscheidungskraft haben im Alter von 25 Jahren nicht allzu viele. Danke!!!

Der angestammte Steuermann der „Jenetta“ Thomas fährt mich höchst selbst zum Bahnhof.  Die Bahn, ach nee, die Lokführer oder Herr Weselsky, der Oberlokführer, streiken glückicherweise mal nicht. So steige ich dann um 15:43 in den Zug. Zwischendurch am Plöner Segelverein vorbei (der Bahnhof liegt Visasvis). Jörn-Christoph ist dort gerade Obmann des Schiedsgerichtes der Deutschen Meisterschaft der H-Jollen. Handy raus, Jörn-Christoph grüßt noch den Zug. Goode Wind für die weiteren Wettfahrten. Ja, die Welt ist klein und der WVG ist überall im Einsatz (jedenfalls einige)! Nach drei Mal umsteigen bin ich um 18:42 Uhr zu Hause Das schaffe ich mit dem Auto nicht, andere vielleicht schon. Uff! schön wieder zu Hause zu sein. Meine liebe Frau Monika empfängt mich herzlich. Klamotten sortieren, ab zum See, ich habe Entzug, ich muss Wasser sehen …

Fazit:
Liebe zum Segeln und zum Detail hat viele dieser alten und doch so jungen Yachten gerettet.
Die Einstellung zur Sache ist die entscheidende Komponente und so kann man auch bei der richtigen Einstellung in unserem Verein Lehren daraus ziehen. Voreilig beim Verschrotten zeugt nicht von großer Achtung für die Sache. Es steckt immer menschliche Leistung dahinter und diese sollte man stets und immer respektvoll hinterfragen!!!
Goode Wind!
Carsten

P.S.
Ja, ich hatte ja geschrieben später noch etwas zum Abschneiden der „Jenetta“ K 1 bei der 12mR EVLI 2021 World Championships vom 14.08.2021 – 21.08.2021 in Finnland vor den Schären Helsinkis zu schreiben. Sie sollte, wie so viele sportliche Events, schon 2020 stattfinden, wurde dann Corona bedingt verschoben. Trotzdem fanden so gut wie keine Yachten aus Übersee den Weg nach Finnland. Corona spielt nach wie vor eine große Rolle.

In den ersten drei Wettfahrten belegte sie die Plätze 5, 2 und 4. In der vierten Wettfahrt beachtete die Finnische Yacht „Vanity V“ K 5 nicht die Vorfahrtsregeln in der Zone am Gate. „Jenetta“ musste eine ungeplante Halse machen, um eine Kollision zu vermeiden. Dabei schlug der Baum über und die Dynamik im Rigg führte dazu, dass das Großsegel komplett zerriss und das Achterstag brach. Wie durch ein Wunder blieb der Mast stehen. Die finnische Yacht wurde disqualifiziert. „Jenetta“ bekam für die vierte und fünfte Wettfahrt ihre bis dahin ersegelte Durchschnittpunktzahl. Die folgenden zwei Wettfahrten musste sie mit dem Überführungssegel fahren, das etwas kleiner und bauchiger ist. Damit hatte die Crew keine Chance mehr, um die Medaillen segeln zu können. Es wurden die Plätze 6 und 7 unter neun Yachten ersegelt. Damit landete die Crew auf dem undankbaren 4. Platz mit 2,4 Punkten Rückstand auf den 3. Platz und 6,4 Punkten Rückstand auf den 2. Platz. An den ersten, die dänische „Vim“, war kein Herankommen. Sie scheint derzeit die schnellste unter den 12ern der Third Rule zu sein. So wurde also nichts aus der Überführung eines Weltmeisterschiffes. Es war trotzdem hart und großartig.

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