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Drachen WM 2022 – Weltmeisterschaft der „Königsklasse“

Dr. Jörn-Christoph Jansen unterwegs als Internationaler Schiedsrichter

Als meine Urlaubsplanung schon fertig und eingereicht war, erreichte mich Ende Januar die Anfrage zur Weltmeisterschaft der Drachen im Juni. Zweimal – 2020 und 2021 – musste ich die Deutschen Meisterschaften der Drachen in Berlin absagen, weil ich zu anderen Meisterschaften (Pirat 2020 und Finn-Dinghy 2021) bereits zugesagt hatte. Nun also sogar die Weltmeisterschaft. Nachdem ich meine Urlaubsfrage klären konnte und auch in diesem Jahr viel Urlaub „auf dem Wasser“ stattfinden wird, fuhr ich also letzte Woche nach Kühlungsborn.


Drachen vor dem 1. Start mit dem beeindruckenden Startschiff, der Segelyacht MULLIGAN

Der Drachen wurde als Bootsklasse 1929 vom Norweger Johan Anker als preiswertes Einheitskielboot mit einer einfachen offenen Kajüte konstruiert und 1946 von der damaligen International Sailing Federation (ISAF) als Internationale Kielbootklasse anerkannt und in den Jahren von 1948 bis 1972 als Olympische Klasse gesegelt. Bei Regatten wird der Drachen als Drei- bis Vier-Mann-Boot gesegelt. Nach 1972 wurde der Drachen vom Soling als Olympia-Kielbootklasse abgelöst, was aber der Verbreitung des Drachen keinen Abbruch getan hat.

Der Name Drachen stammt angeblich von einer wörtlichen Übersetzung des Konstrukteur-Namens „Anker“ ins Norwegische („Draggen“). Der Weltsegelverband korrigierte den vermeintlichen Schreibfehler und nannte die Bootsklasse fortan englisch „Dragon“.

Was macht die Faszination des Drachen aus? Der Drachen wird unter Seglern als „Königsklasse“ bezeichnet, da er von 1948 bis 1972 während der Zeit als olympische Bootsklasse oft von Mitgliedern der europäischen Königshäuser aus Skandinavien (Prinz Henrik von Dänemark, Kronprinz Frederik von Dänemark), Griechenland und Spanien gesegelt wurde, bei denen er heute noch sehr beliebt ist. Der spätere spanische König Juan Carlos I. startete bei den Olympischen Sommerspielen 1972 vor Kiel im Drachen und belegte den fünfzehnten Rang. König Konstantin II. von Griechenland gewann mit seinem Team im Drachen die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Er ist dem Segelsport heute über die Ehrenpräsidentschaft des Weltsegelverbandes „World Sailing“ und dem Ehrenvorsitz der World Sailing Hall of Fame verbunden. Zur 75. Drachen-Jubiläumsregatta – an der auch Angehörige der Königshäuser von Spanien, Dänemark, Griechenland und Bayern teilnahmen – trafen sich im Oktober 2004 in Saint-Tropez 269 Drachen aus 29 Nationen wohlgemerkt an einer Startlinie.

Ganz so viele Drachen fanden nicht nach Kühlungsborn. Insgesamt aber 51 Starter aus 13 Nationen verzeichnete die Meldeliste der Weltmeisterschaft. Drei Boote reisten nicht an. Mit 13 Booten war die deutsche Flotte am stärksten vertreten, dominiert von Seglern des Norddeutschen Regattavereins aus Hamburg, die mit insgesamt acht Booten am Start waren. Die einzigen Mecklenburger, Mario Wagner vom Rostocker Yachtclub und Stefan Waack vom Segelclub Ribnitz, segelten mit dem Hamburger Skipper Olaf Sternel auf dem Drachen „Jupiters Duck“ unter der Segelnummer GER 25. Neben Deutschland waren Segler aus Groß Britannien, Österreich, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Niederlande, Schweden, der Schweiz, der Türkei, aus Japan und von den Kaimaninseln vertreten. Boote aus Russland wurden wegen des Ukraine-Krieges nicht zugelassen. Ein russischer Skipper spendete sein Meldegeld für die Opfer der Ukraine.

Ein ganz besonderes Boot war mit dabei: „Bluebottle“ mit der Nummer GBR 192. Das Boot war 1947 Hochzeitsgeschenk des Island Sailing Club an Prinzessin Elizabeth, heute ihre Majestät Königin Elizabeth II. und seine königliche Hoheit Prinz Philip, den Herzog von Edinburgh. Das Boot kann in Leith Docks in Edinburgh bewundert werden, direkt neben der früheren königlichen Yacht Britannia. Weitere Prominenz war auch am Start mit den Segellegenden Peter Gilmour (GBR) und Peter Cunningham (GBR) und dem ehemaligen Präsidenten von World Sailing Kim Andersen (DEN).


GBR 192 - die berühmte "Bluebottle"

Kühlungsborn gilt als Drachenrevier. Die 8,95m langen und 1,90m breiten Boote waren schon achtmal zu Gast im Ostseebad. Der Segelclub Kühlungsborn war 2011 Gastgeber der Internationalen Deutschen Meisterschaften. Ein Jahr später folgten Norddeutsche Titelkämpfe und danach mehrmals der Dragon Grand Prix, eine ebenfalls hochrangige internationale Regatta dieser Bootsklasse.

Unser Juryteam sollte aus Hans Olling (IJ, Dänemark, Chairman), Hans Vengberg (IJ, DEN), Thomas Kresse (IJ, NOR), Philip Müller (NJ, GER) und mir bestehen. Nur den Dänen Hans Vengberg kannte ich von zahlreichen Warnemünder Wochen oder auch den Weltmeisterschaften der H-Boote in Struer 2021. Alle anderen sollte ich kennen lernen.


Championshipdinner: Dr. Jörn-Christoph Jansen (IJ, GER), Hans Vengberg (IJ, DEN), Hans Olling (IJ, DEN), Philip Müller (NJ, GER), Thomas Kresse (IJ, NOR)

Nachdem ich meine Unterkunft bezogen und zur Jugendweihe meiner Nichte nach Güstrow gefahren war, war Sonntagmorgen Aufbruch in aller Frühe. Zum Frühstück war ich allerdings dann der erste der fünf Schiedsrichter. Schnell lernte ich alle kennen und Chairman Hans Olling, ehemaliger Drachensegler, teilte mich mit Thomas Kresse zusammen für den ersten Tag ein. Eigentlich war nur eine Wettfahrt geplant, aber der internationale Wettfahrtleiter Nino Shmueli aus Israel – im Übrigen auch Hauptwettfahrtleiter der Kieler Woche – verkündete kurzerhand, dass er zwei Wettfahrten segeln lassen wolle. Nun gut, dachten wir, die Ausschreibung sagt etwas anderes …


Dr. Jörn-Christoph Jansen (IJ, GER) mit Thomas Kresse (IJ, NOR)

Gestartet wurde zunächst unter „Papa“ und nach allgemeinem Rückruf unter „Black Flag“.  Die Wettfahrten, die einen zweifachen Up-and-Down-Kurs mit Downwindziel umfasst sind wenig spektakulär, aber natürlich schön anzugucken. Die Drachen bevorzugen lange Kreuzen von bis zu 30 Minuten und das erste Boot kommt immer erst nach ca. 90 Minuten ins Ziel, sodass Wettfahrten mit Startprozedere oft zwei Stunden dauern. An der Luvbahnmarke gibt es einige Bootsbegegnungen, die für Schiedsrichter interessant sind. Am ersten Tag hielt sich das alles in Grenzen. Die zweite Wettfahrt wurde nach mehreren Winddrehern schließlich auf dem ersten Downwind abgebrochen und nachdem auch mehrere Startversuche nicht klappten, folgte „AP“ über „Alpha“ und der Tag war fast vorbei. In der Protestfrist ging nichts ein. Würde es so für die Woche bleiben? Nein, das dicke Ende sollte erst noch kommen.

Am zweiten Tag war ich als „deutsches Team“ mit Philip Müller unterwegs. Philips Vater Matthias Müller ist als Ausbilder der Wettfahrtleiter in M-V vielen bestens bekannt. Philip selbst ist internationaler Wettfahrtleiter und hat nochmal einen anderen Blick auf viele Dinge als ich. Bei heftigem Regen, Sturm und Hagel fuhren wir raus und es wurde zunächst „AP“ über „Hotel“ gesetzt. Im Hafen wetterten wir ab und waren schon einmal nass. Doch dann ging es zu zwei Wettfahrten bei heftigem Wellengang wieder auf die Ostsee. Innerhalb der Protestfrist ereilte uns ein Vermessungsprotest, der eigentlich „Protest, die Klassenregeln betreffend“ heißt. Das Technische Komitee unter Leitung des internationalen Vermessers Dr. Bence Toronyi aus Ungarn hatte bei einem Boot Segel bei der Kontrolle festgestellt, die nicht über die vorher gemeldeten ID-Nummern verfügten. Wer entschieden auf eine 10 %-Ermessensstrafe, weil der Segler keinen Vorteil und offenbar nur die Zahlen vertauscht hatte. Die Segel selbst waren korrekt vermessen. Weniger als 10 % durften wir nicht vergeben.

Der Abend klang beim Spiel Dänemark – Österreich (2:0) aus. Dabei stellte sich raus, dass Dr. Bence Toronyi Piratensegler aus Budapest ist und u. a. an der Europameisterschaft in Ungarn 2011 teilgenommen hat und auch 2023 wieder dabei sein möchte. Die Segelwelt ist ja so klein.

Am Dienstag hatte ich meinen freien Tag, denn vier Schiedsrichter fahren mit zwei Booten auf den Kurs und einer hat dann frei. Der „Layday“ geht reihum. Ich beschäftigte mich zunächst damit, unseren ersten Protest und alle anderen Formalitäten in manage2sail einzugeben. Als der Veranstalter merkte, dass ich oft mit dem Programm arbeite, half ich im Wettfahrtbüro beim Scoring und erklärte das Programm in seinen Feinheiten und Tücken. Anschließend erinnerte ich per E-Mail Segler daran, zum Silbernen Beil zu melden und auch zu bezahlen, schrieb den Vorabpresseartikel und wartete auf die Kollegen. Der Abend brachte uns dann die Proteste zwei bis fünf. Während wieder ein Protest des Vermessers – dieses Mal mit Wiedergutmachung – dabei war, war ein anderer ungültig. Der dritte und der vierte Protest hatten es jedoch in sich; beide konnten zusammen verhandelt werden. Nach langer Verhandlung stellten wir fest, dass keine Regel verletzt war bzw. eines der Boote seine richtige Strafe angenommen hatte. Schließlich blieben die Ergebnisse unverändert. Der Abend klang wieder bei Fußball aus und Deutschland schlug Italien 5:2.

Am Mittwoch war ich mit dem Dänen Hans Vengberg eingeteilt. Zwei Stunden Startverschiebung mangels Windes ließen mich schließlich alle Proteste vom Vortag in manage2sail eingeben und überarbeiten. Es folgte eine weitere Startverschiebung und schließlich wieder „AP“ über „Alpha“.

Am Donnerstag durfte ich mit Chairman Hans Olling, der in Dänemark in der nordschleswigschen Minderheit lebt und deshalb fließend deutsch spricht, auf den Kurs. Nun waren gar drei Wettfahrten geplant. Schon an der ersten Luvbahnmarke gaben wir eine rote (!) Flagge, die in der Segelanweisung für Regelverstöße gegen WR Teil 2, WR 28 und WR 31 vorgesehen war. Das Besondere dabei: Es wird nur die rote Flagge mit Pfiff gehoben und keine Segelnummer gerufen und es wird auch nicht auf das Boot gezeigt. Nimmt das Boot dann keine – ebenfalls laut Segelanweisung – Drehungsstrafe an, wird es direkt angepfiffen und gerufen. Die Strafe erhöht sich dann jedoch auf zwei Drehungen. In unserem Fall lag ein Verstoß gegen WR 18.3 vor und das Boot aus den Niederlanden nahm seine Strafe an. Offenbar wusste es, was es falsch gemacht hatte. Am Abend war das Championshipdinner geplant und mit drei Wettfahrten der Tag ohnehin sehr lang. Dennoch erreicht uns Protest Nummer sechs. Der Fall war sehr interessant. Auf den ersten Blick deutete sich jedoch an, dass kein Boot eine Regel verletzt hat und während wir darüber noch nachdachten, kam der Protestführer und wir gestatteten eben deshalb die Rücknahme des Protestes. Ohne Anhörungen ging es zum Dinner.


Drachen auf Vorwind

Mit etwas mehr Nachtruhe und eine Stunde früher als sonst ging es in den letzten Tag. Wieder sollte ich mit Thomas Kresse aus Norwegen ein Boot teilen. Thomas erzählte mir, dass er Coach der Segelolympiamannschaft Norwegens in Tallin 1980 und Los Angeles 1984 war, wobei Tallin schließlich von den Norwegern – wie von vielen anderen Nationen – aufgrund des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan bekanntlich boykottiert wurde. Zwei Leichtwindwettfahrten rundeten die Weltmeisterschaft ab. Nino Shmueli (IRO, ISR) brachte schließlich alle zehn Wettfahrten nach Hause. Allerdings warteten im Hafen drei Proteste bzw. Anträge auf uns, die über Silber und Bronze entscheiden sollten – undankbar, aber dafür ist die Jury da. Während dem ersten Antrag auf Wiedergutmachung leicht stattgegeben werden konnte, weil auch das Wettfahrtkomitee ein Zahlendreher beim BFD einräumte, wurde ein weitere Antrag auf Wiedergutmachung gegen einen BFD mit zwei Zeugen lange verhandelt. Am Ende konnte auch ihm stattgegeben werden. Der dritte Protest, den ein Boot mit (leichtem) Schaden eingereicht hatte, war ungültig. Der Protestführer hatte nicht unmittelbar Protest gerufen und die Protestflagge gezeigt, sondern sich erst nach einer halben Minute dazu entschieden. Durch eine der Wiedergutmachungen und die Ungültigkeit des Protestes rückte ein Boote auf Platz 2 vor und für andere wurde aus Silber nun Bronze bzw. aus Bronze ein undankbarer vierter Platz.

Weltmeister wurden GBR 819 mit Klaus Diederichs, Jamie Lea und Diego Negri vor TUR 1212 mit Andrew Beadsworth, Simon Fry und Arda Baykal auf Platz 2 und SUI 318 mit Wolf Waschkuhn, Joao Vidinha und Charles Nankin auf Platz 3. „Bluebottle“ landete übrigens auf den sechsten Platz. Der Rostocker Mario Wagner schaffte es mit seiner Crew auf Platz zehn in die Topten.

Natürlich war klar, dass es auf der Siegerehrung nur ein Gesprächsthema gab und das waren die Entscheidungen der Internationen Jury. Es ist schwer zu erklären, warum die Entscheidungen so zu treffen waren. Dass es nicht leichtfällt, Proteste wegen Ungültigkeit abzuweisen, kommt dazu, aber es interessiert die Betroffenen natürlich nicht. Letztlich muss sich jede Jury an die Wettfahrtregeln halten. Wäre es ein schwerer Schaden gewesen, dann wäre es auf Flagge und Ruf nicht angekommen, aber das Boot segelte drei der vier Bahnschenkel ab und gab erst dann auf.

Ich führ nach der Siegerehrung und einem Abendessen ab und verabschiedete mich von den vielen ehrenamtlichen Helfern des Segelclubs Kühlungsborn, die mich so toll aufgenommen haben, nicht ohne versprechen zu müssen, dass ich wiederkomme. Das werde ich gerne! Auf den Rückweg waren die Gedanken schon wieder bei den nächsten Regatten. Das Silberne Beil kommt und dann auch schon die 84. WARNEMÜNDER WOCHE. Nach der Regatta ist eben vor der Regatta – zum Glück.

Jörn-Christoph Jansen

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