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„Von wegen kleine Regatta!“ – Meisterschaft mit 134 Booten

Jörn-Christoph Jansen, Isa und Jürgen F. Kitta bei Internationaler Deutscher Meisterschaft der ILCA Dinghys in Greifswald

Noch bevor auf dem Inselsee Nebelbeil und Nebelwelle stattfanden, war ich zum letzten Saisonhighlight auf den Greifswalder Bodden eingeladen. Der Aktualität um unsere heimischen Regatten ist jetzt dieser verspätete Bericht geschuldet.

Die Einladung des Greifswalder Yachtclubs e. V. (GYC) stammte vom März dieses Jahres. Am Rande eines Seminars des Seglerverbandes Mecklenburg-Vorpommern (SVMV) fragten mich Dirk Brandenburg (Wettfahrtleiter, GYC) und Tim Köppe (Organisationsleiter vom Yachtclub Wieck e. V.), ob ich im Herbst Zeit für eine kleine Regatta als Obmann des Protestkomitees hätte. Obgleich ich gegen kleine Regatten natürlich nichts habe, ist mein Schiedsrichterkalender gut gefüllt, dachte ich. „Wie klein und welche Bootsklasse?“, fragte ich. „Internationale Deutsche Meisterschaft ILCA Dinghy 6 & 7“, antwortete Tim Köppe. „Von wegen kleine Regatta!“, entgegnete ich und sagte zu. Der ILCA Dinghy 6 ist für Frauen und der ILCA Dinghy 7 für Männer olympisch. Ich wusste, dass 2021 an der letzten IDM der ILCA Dinghys mehr als 130 Boote aus mehreren Nationen – Italien, Österreich, Schweiz und sogar Argentinien – teilgenommen haben. Obmann des Protestkomitees war damals ein gewisser Uli Finckh.

Mit Mattes Köppe (RJ, Yachtclub Wieck e. V.) und Kai Erichsen (NJ, Schweriner Segler-Verein von 1894 e. V.) hatten bereits zwei Schiedsrichter vor mir zugesagt. Als meinen Stellvertreter konnte ich Stefan Ibold (NJ, Hannoverscher Yacht-Club e. V.) sowie als weitere Schiedsrichter Jürgen Felix Kitta (RJ, Wassersport-Verein-Güstrow 1928 e. V. und Warnemünder Segel-Club e. V.) und Utz Müller (NJ, Segelverein Neubrandenburg e. V.) gewinnen. Wichtig war mir, Schiedsrichter zu gewinnen, die mit großen Startfeldern der ILCA Dinghys bereits Erfahrungen – u. a. beim Europa Cup in Warnemünde – gesammelt hatten.

In Greifswald ist die olympische Einhandbootsklasse ILCA Dinghy (ehem. Laser) nicht unbekannt. Zuletzt waren die Masters (Ü35) zu ihrer Internationalen Deutschen Meisterschaft 2020 zu Gast. Zudem waren die Greifswalder Segelvereine vor genau 20 Jahren schon Ausrichter der Internationalen Deutschen Meisterschaften der damals olympischen Bootsklassen Laser und Europe. So zeichnete sich bereits im Vorfeld ein hochkarätiges Teilnehmerfeld aus ganz Deutschland mit einigen ausländischen Gästen ab. Allen voran der 2020er Weltmeister Philipp Buhl (Norddeutscher Regatta Verein e. V.) führte das Feld der ILCA-7-Segler an.

Letztlich meldeten 134 Boote, die sich wie folgt verteilten: 31 ILCA-6- (weiblich), 54 ILCA-6- (männlich) und 49 ILCA-7-Segler, darunter je ein Teilnehmer aus Brasilien und der Ukraine.

Noch am Vorabend zur Regatta – ich kam dienstlich aus Berlin – wurde Isa Kitta für das Wettfahrtkomitee „verhaftet“. So ist das, wenn man zu viele Sachen gut kann. Sechsstellige ILCA-Segelnummern im Ziel in kurzer Zeit schnell zu schreiben, ist eine Herausforderung.

Am Donnerstagabend traf ich auch Manuel Stiff, Piratensegler vom Segelclub Hansa Münster e. V., der seinen Sohn Max, Deutscher U17-Meister im ILCA Dinghy 6 vor Kiel in diesem Jahr, begleitete. Manuel Stiff segelte 2018 zum Nebelbeil in Güstrow und brachte über eine Brieffreundschaft mit meinem Vater ab Anfang der 1980er Jahre die Berliner Mauer mit zum Einsturz. Der Artikel dazu von beiden in „75 Jahre Pirat“ aus 2013 ist legendär. Nun treffen wir uns also kurz vor dem 32. Fest zum „Tag der Deutschen Einheit“ wieder – inzwischen Normalität in nicht normalen Zeiten.

Bevor es Freitag zur Eröffnung ging, hatte ich noch einen dienstlichen Termin in Greifswald, denn Freitag war ein normaler Arbeitstag für mich. Weil der Termin länger als geplant dauerte, ging ich direkt in Anzug und mit Krawatte zum ersten Treffen des kompletten Protestkomitees, was für einige Verwunderung sorgte. Auch bei der anschließenden Eröffnung sorgte ich für Erheiterung, war aber definitiv angemessen gekleidet.

Am ersten Wettfahrttag war ich mit Utz Müller auf einem Schlauchboot unterwegs, das mich jeden Tag begleiten sollte. Das Boot ist für Boddengewässer wahrscheinlich nicht geeignet, aber man muss damit arbeiten, wenn nichts anderes zur Verfügung steht. Erstaunlich fair in Bezug auf Regel 42 segelten alle Beteiligten. Lediglich drei gelbe Flaggen mussten wir vergeben. Immerhin segelten die ILCA 6 (weiblich) und die ILCA 7 je drei und auch die ILCA 6 (männlich) zwei Wettfahrten, sodass drei Flaggen in zehn Wettfahrten mit 134 Booten eher für die Fairness der Segler sprechen.

Am Abend ereilten uns die ersten beiden Proteste. Obgleich wir die Protestfrist um mehr als eine halbe Stunde ausdehnten, reichten Segler ihre Proteste erst zwei Stunden und später nach Wettfahrtschluss ein, weil sie zuvor ihre Boote abbauten, duschten, sich umzogen und das Abendessen zu sich nahmen. Unter diesen Umständen sind Proteste außerhalb der Frist nahezu immer ungültig.

Am zweiten Wettfahrttag sollten die ILCA 6 (männlich) ihre dritte Wettfahrt vom Vortag nachholen, sodass vier Wettfahrten angesetzt waren. Für ILCA 6 (weiblich) und die ILCA 7 hingegen blieb es bei weiteren drei Wettfahrten. Bei Wind um 20 Knoten und einer kurzen Welle von 0,5m war es auf dem kleinen Schlauchboot wenig angenehm. Alle zehn Sekunden wurden Stefan Ibold und ich „von vorne geduscht“, weil das Boot nicht über, sondern in die Welle fuhr. Einsetzender Regen machte es auch nicht besser. Wieder vergaben wir nur drei gelbe Flaggen - jetzt bei zwölf Wettfahrten -, was bei diesen Bedingungen nicht ungewöhnlich ist. Die Flaggen verteilten sich fair auf je eine pro Juryboot. Die knapp 30minütige Fahrt in den Hafen kam mir wie eine Ewigkeit vor. Zum Glück konnten wir im „majuwi“ (Maritimes Jugenddorf Wieck), wo wir untergebracht waren, heiß duschen. Nach der Dusche ging es zum Greifswalder Yachtclub e. V., wo bereits vier Proteste auf uns warteten. Nun hatten alle Segler direkt vom Wasser kommend die Formulare abgeholt, ausgefüllt und abgegeben. Es schien, als hätte sich unsere Entscheidung vom Vortag rumgesprochen.

Die Proteste Nr. 3 bis 6 waren unterschiedlichster Natur. Eine Wiedergutmachung wegen Disqualifikation am Start unter „Schwarzer Flagge“, ein Protest, dem eine Disqualifikation folgte, ein Protest, der abgelehnt wurde und ein Protest, dem zwar stattgegeben wurde, aber keine (weitere) Strafe folgte, weil der Protestgegner seine Zwei-Drehungen-Strafe auf dem Wasser angenommen hatte, prägten unseren Abend. Insgesamt waren es vier interessante Fälle, die allerdings ihre Zeit in Anspruch nahmen, nicht zuletzt wegen der folgenden Schreibarbeit in manage2sail.

Am dritten und vorletzten Wettfahrttag waren für alle drei Klassen drei Wettfahrten angesetzt. Mit nun 22 Knoten hatte der Wind noch einmal zugenommen und ab und an begleitete uns ein Regenschauer. Einer dieser Regenschauer war so heftig, dass die Bahnmarken kaum mehr zu sehen waren, sich aber ein schöner Regenbogen über die beiden Zielschiffe abzeichnete. Gemeinsam mit Jürgen Kitta hatte ich die Herausforderungen, die das Schlauchboot an uns stellte, zu meistern. Letztlich befestigten wir eine Leine um den Steuerstand und Fahrersitz, sodass es aussah, als ob der hintere Mann auf dem Schlauchboot ein Einergespann fuhr. In wiederum zwölf Wettfahrten vergaben drei Juryboote zusammen eine einzige gelbe Flagge. Bei diesen kraftraubenden Windbedingungen verwundert das allerdings nicht.

Weil am Abend das Meisterschaftsessen angesetzt war, verhandelten wir zwischen 17 und 18 Uhr alle Proteste. Wiederum waren vier Formulare abgegeben worden. Zum Glück ließen sich zwei Anhörungen verbinden und ein weiterer Protest durch Arbitration (Schlichtung) erledigen. Nach dem Meisterschaftsessen mussten wir allerdings noch die Schreibarbeit für unsere Fälle 7 bis 10 erledigen.

Am letzten Wettfahrttag war der Wind nicht weniger, aber es gab zum Glück keinen Niederschlag. Wiederum mit Utz Müller teilte ich das Schicksal des besonderen Schlauchboots. In allen Bootsklassen waren nur noch zwei Wettfahrten angesetzt und die letzte Startmöglichkeit setzte uns ein Limit. Während bei den ILCA 6 (weiblich) die Meisterschaft nahezu sicher an Pia Kuhlmann (Schaumburg-Lippischer Seglerverein e. V.) vergeben war, war es bei den ILCA 6 (männlich) und ILCA 7 äußerst spannend.

So lieferten sich bei den ILCA 7 Nik Aaron Wilm und Philipp Buhl (beide Norddeutscher Regatta Verein e. V.) ein Matchrace vor der 10. Wettfahrt mit dem schlechteren Ende für den Gesamtführenden Nik Aaron Wilm, der unter Schwarzer Flagge das Luvduell gegen Philipp Buhl verlor. Da Philipp Buhl die 10. Wettfahrt gewann, wurde das Duell immer spannender. Bei den ILCA 6 (männlich) hatten die ersten vier Siegschancen, sodass es nicht sofort zum Duell kam.

Wilm und Buhl lieferten sich auch vor der 11. und letzten Wettfahrt wieder ein packendes Duell. Dieses Mal parierte Wilm den Angriff von Buhl und gewann letztlich die Wettfahrt und mit 8 von 11 Wettfahrten auch verdient seine erste Meisterschaft vor Philipp Buhl auf Platz zwei und Philip Walkenbach (Segelverein Potsdamer Adler e. V.) auf dem Bronzerang. Bei den ILCA 6 (weiblich) siegte wie erwartet Pia Kuhlmann (Schaumburg-Lippischer Seglerverein e. V.). Silber gewann Laura Schewe (Kieler Yacht-Club e. V.) vor Gesa Papenthin (Potsdamer Yacht Club e. V.).

Bei den ILCA 6 (männlich) fiel die Entscheidung erst im Juryraum. Wir hatten die undankbare Aufgabe bei einer Anhörung des Gesamtdritten gegen den Gesamtersten nicht nur über den Protest, sondern eben auch in der Folge daraus über die Meisterschaft zu entscheiden. Gerade erst im Juni hatte ich diese unschöne Erfahrung bei den Weltmeisterschaften der Drachen gemacht. Letztlich muss man als Schiedsrichter wissen, dass das dazugehört. Nach etwas mehr als einer halben Stunde Anhörungszeit mit insgesamt fünf Zeugen disqualifizierten wir den Protestgegner. Der zunächst angekündigte Antrag auf Wiederaufnahme ging nicht ein. Stattdessen verließ das gesamte Team noch vor der Siegerehrung den Veranstaltungsort.

Nach der Siegerehrung, an der das Protestkomitee geschlossen teilnahm, machten wir uns auf den Weg nach Neubrandenburg, Güstrow, Schwerin bzw. Hannover. Am Ende der Woche bleiben interessante Erfahrungen auf dem Wasser, spannende elf Anhörungen, schöne Abende und absolut gastfreundliche Greifswalder Vereine mit einem guten Team an Land und auf dem Wasser in Erinnerung. Eine Rückkehr nach Greifswald wird es für mich ganz sicher irgendwann geben. Eine Einladung zur Internationalen Deutschen Jugendmeisterschaft der 29er-Klasse im kommenden Jahr konnte ich allerdings nicht sofort annehmen, denn dann gibt es ein Wiedersehen mit den ILCA Dinghys zur Internationalen Deutschen Meisterschaft 2023 beim Röbeler-Segler-Verein „Müritz“ e. V., bei dem ich gerade erst in diesem Jahr zu zwei Europameisterschaften zu Gast sein durfte.

Dr. Jörn-Christoph Jansen

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